Ortschronik

  • Wenige Kilometer nördlich der Dom- und Kreisstadt Limburg liegt ein wenig abseits von der alten Verkehrsstraße, der so genannten “Meil”, Oberweyer. Noch ziemlich frei vom Fern- und Fremdenverkehr liegt es wie ein Kleinod im Vorland des “Heidenhäuschens” eines 380m hohen Basaltmassives. Die heutigen großen Durchgangsstrassen gehen alle an Oberweyer vorbei, ohne es zu berühren. Nur einige Wegweiser zeigen es an. Deshalb ist es aber auch von vielen nicht gekannt.


    Oberweyer ist eine alte Ansiedlung. Wohl bei keinem Dorf lässt sich Tag und Stunde nennen, an dem es gegründet worden ist. Die Gründung unseres Dorfes ist wahrscheinlich in die Zeit vor 500 n. Chr. anzusetzen. Die geschützte Lage und die fruchtbaren, ebenen Fluren am Rande des Limburger Beckens gaben die natürliche Grundlage für die Ansiedlung. Tatsächlich wird es in einer Schenkungs urkunde vom Jahre 772 im Lorscher Codex genannt. Rachilde, eine Ruppertinerin, die Tochter des Gaugrafen Kankor schenkte im 4. Jahre des Königs Karl der Großen am 12. August ihre Liegenschaften in verschiedenen Dörfern des Lahn gaues, darunter auch in “Wilere”, dem Kloster Lorsch. Aus den übrigen in der Urkunde genannten Dörfern geht eindeutig hervor, dass es sich nur um unser Oberweyer handeln kann. Über eine spätere große Schenkung berichtet eine Ur kunde vom November 1259. Am Tage seiner Einkleidung als Cisterziensermönch schenkte Heinrich Coppin aus Oberweyer dem Kloster Eberbach sein Vermögen. Im Jahre 1506 waren in Oberweyer 16 Bauerhöfe, die dem Adel, den Stiften und Klöstern gehörten. Sicher gab es auch noch viele andere, die in Privatbesitz waren. Wir können daraus schließen, dass Oberweyer schon damals ein ansehnliches Dorf war.


    Das Dorf war geschützt von einem Bannzaun, dem Haingraben und Gebück und einem Weiher, der heutigen “Dorfwiese”. Am Ein- und Ausgang waren Falltore angelegt. Der Kirchturm war ein ehemaliger Wartturm, der den Soldaten als Aufenthalt diente. Die Häuser waren sehr einfach, sie waren ungeteilt. Sie hatten in der Mitte ein durchgehenden Raum den “Ern”, den Feuerraum mit dem Herd, rechts den Wohn- und Schlafraum, links den Stall und anschließend die Scheune. Das Material bestand aus Holz, Reisig und Lehm. Anfangs waren die Häuser einstöckig. 1439 werden schon Flur- und Straßennamen genannt, die heute noch gelten.


    Im 30jährigen Krieg (1618-1648) hatte Oberweyer sehr zu leiden. Es ist Sage, dass Oberweyer zur Hälfte zerstört worden sei. 1623 gesellte sich zu den Kriegswirren die Pest. – Im September 1624 machten sich die Wölfe unliebsam bemerkbar, das Vieh war in manchen Ställen vor ihnen nicht mehr sicher, und die Bewohner mussten zu allgemeinen Wolfsjagden ausziehen. – Im Jahre 1632 wütete wieder die Pest. – Im Oktober 1632 hatte der schwedische General v. Baudissin die Grafschaft mit Truppen überschwemmt. Die Bewohner von Oberweyer flüchten nach Hadamar oder aber in den Wald. Die Eltern sagten ihren Kindern: “Bet’, Kindchen, bet’, morgen kommt der Schwed”. Gefürchtet war der Schwedentrunk. Wenn nämlich ein Bauer sich weigerte, Lebensmittel herauszugeben, gab man ihm Jauche zu trinken. – Am 19. August 1646 war der Erzherzog Leopold Wilhelm mit seinen kaiserlichen Truppen wegen Nahrungsmangel aus Oberhessen in die Gegend von Limburg gekommen und hatte zwischen Ahlbach und Obertiefenbach, wahrscheinlich in der Oberweyer Gemarkung “Gehenk”, ein Lager bezogen. Die ausgehungerten zügellosen Söldner fielen dem Lande sehr zur Last. In den umliegenden Ortschaften wurden fast alle Häuser niedergerissen und ins Lager gefahren, wo man aus dem Holzwerk Hütten errichtete oder es in den Lagerfeuern verbrannte. Auch der sonstige Hausrat wurde mitgenommen, die Frucht ausgedroschen und das Vieh aus den Ställen fortgetrieben. Selbst die Bienenstöcke blieben nicht verschont und wurden geplündert und überall war eine solche Verwüstung, wie es die Gegend weder früher noch später je wieder erlebt hat. Alles wurde in geradezu bestialischer Weise verwüstet und zerstört. Auch Oberweyer ist zum Trümmerhaufen geworden. – Der Wald, der unser Dorf umgab, wurde vom 11.-13. Jh. stark umgerodet. Die Umrodung artete aber in eine förmliche Waldverwüstung aus. Kurz nach 1700 wurde unser Wald vom Holzbach bis zum heutigen Stand abgeholzt und der Weg am Wald zur Strasse ausgebaut.


    1783 war ein gesegnetes Jahr. Am 25. Juli konnte man schon reife Trauben essen und die Ernte war bis zu diesem Tag schon beendet. In diesem Jahr lebte man so zufrieden und glücklich, gleichsam als wenn das goldene Zeitalter angebrochen wäre – bis dann noch im gleichen Jahr die Ruhr ausbrach, woran sehr viele Menschen starben. – 1795 kamen die Franzosen in feindlicher Wut über den Rhein. Alles flüchtete. Sogar Pfarrer und Lehrer mussten in ländlicher Kleidung vor den wilden Rotten fliehen. In der Kirche und auch in den übrigen Gebäuden wurde alles zerstört. Der Altar wurde umgestürzt, die heiligen Partikel auf dem Boden wahllos zerstreut. 1813 wurden die Franzosen gänzlich in Preußen geschlagen. Die Russen waren auf dem Vormarsch nach dem Rhein. In unserem Dorf hausten sie furchtbar. Türen und Tore wurden Brennmaterial. Die Möbel schleppten sie aus den Häusern aufs Feld. Sie requirierten nach Herzenslust. Im Vorderdorf entstand eine Viehseuche. Der Hunger wütete furchtbar. Häufig fand man hinter den Hecken nach Steinbach Leute tot auf, die mit Grashalmen vergebens ihren Hunger stillen wollten. Die Menschen wurden an Nervenfieber sehr krank, das von den Russen eingeschleppt war. Es starben ganze Häuser aus. Das Jahr 1817 war so schlecht, dass wieder eine Hungersnot in Oberweyer ausgebrochen war. – 1828 raffte die Rinderpest viel Vieh weg.
    Blättern wir in der Chronik weiter bis in die erste Hälfte des 20. Jh. mit seinen beiden Weltkriegen. Im ersten Weltkrieg opferte Oberweyer 22 und im zweiten Weltkrieg 35 junge Menschen für das Vaterland. Aus dem 2. Weltkrieg ist zu lesen, dass unser Dorf in Gefahr war, ganz vernichtet zu werden. Eine Nachrichteneinheit lag am westlichen Ausgang des Dorfes. Am Sonntag, dem 11. März 1945, um die Mittagsstunde ging ein feindlicher Bombenteppich nieder, der aber zum Glück in das Gelände zwischen Ober- und Niederweyer fiel. So blieben Menschen und Häuser verschont. – Ebenfalls im März 1945, kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, wurden drei russische Kriegsgefangene auf einem Acker an der Strasse nach Niederweyer exekutiert. Sie arbeiteten damals in Oberweyer; zwei von ihnen im Schwesternhaus, wo sie Holz hackten. Als die amerikanischen Truppen sich dem Dorf näherten, trieb einen die Neugierde auf die Straße. Diese Unvorsichtigkeit wurde ihm und seinen Kameraden zum Verhängnis. Ein junger SS-Offizier entdeckte ihn, machte auch seine Landsleute aus und ordnete ihre Exekution an, die ein junger Soldat mit einer Maschinenpistole ausführen musste. Zeugen beobachteten vom Dorf her dieses furchtbare Schauspiel. Die drei Toten wurden von dem jungen Soldaten nur notdürftig mit Erde zugedeckt. Im Dunkel haben Oberweyer Bürger sie an Ort und Stelle begraben. Nach Jahren wurden sie auf dem russischen Ehrenfriedhof in Dietkirchen beigesetzt. Oberweyer, das friedliche Dorf, hat in den einzelnen Jahrhunderten manches erlebt, viel Schlimmes, aber auch Gutes. Die Chronisten berichten meistens das Außergewöhnliche, und das ist nicht immer gut.

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